Zwischen schön und hässlich, was der Geschmack über uns aussagt.
Schön und hässlich – die Vereinbarung von Gegensätzen vervollkommnet den Geschmack.

Häppchenweise Gedanken – Einen Happen Gedanken, bitte. Wie viele Häppchen bekomme ich für drei Gedanken fünfzig? Das macht einmal zwei Happen – möchten Sie einen Beleg? Einmal mit Gedanken zahlen, bitte – Haltet alle die Schnauze! Ihr seid nicht besser als ich, wenn ihr einfach anfangt zu schreiben – ne, ich bin mir sogar sicher, mit Sicherheit besser zu sein, auch wenn jede Sicherung bei mir durch ist – Parrhesia, die freie Rede, ich erinnere mich daran, bei Foucault einiges über diese rhetorische Gattung gelesen zu haben – schon krieg ich Lust, darüber zu schreiben. Vielleicht sehne ich mich auch nur danach, eine erotische Erinnerung mit dem lieben französischen Philosophen gehabt zu haben. Nur bin ich dafür zu hetero und Foucault zu tot. Außerdem ist die freie Rede gar nicht das Thema diesmal, denk ich mir. Im selben Augenblick blicken meine Augen augenblicklich auf den Titel dieses Schriftmiststücks und lassen mich wieder erinnern. Ich erinnere. Ich wollte über den Geschmack schreiben. Dann fang‘ ich mal an.

Vor dem Hintergrund einer cartesianischen Leib-Seele-Trennung erscheinen… ne, warte mal, ich formuliere es anders: Wenn wir eine Seele haben, dann ist sie als Organ die immaterielle Seite unseres Wesens… ne, immer noch nicht… neuer Absatz!

Gedanken sind rational und Gefühle irrational (Ok, darauf lässt sich aufbauen…). Happen sind kleine, feine, mundgerechte Portionen. So würde man wohl kaum sagen, dass jemand, der sich von Gedankenhappen ernährt, die Weisheit mit Löffeln frisst. Das Ding ist aber, wenn jemand sich konstant von Gedankenhappen ernährt, wird er sich vielleicht nicht auf Anhieb ein Wohlstandshirn angefressen haben, aber langfristig womöglich einen gesund gewachsenen Intellekt auf den Schultern tragen. Nicht umsonst sagt man im Türkischen damlaya damlaya göl olur (ich muss leider enttäuschen – kein ü im Satz, ihr N***s), was soviel bedeutet wie: Stetig tropfend entsteht ein See. Das Problem nur ist, dass ich immer noch nicht angefangen habe, über den Geschmack zu sinnieren. Also neuer Absatz!

Was ist radikaler Konstruktivismus? Radikaler Konstruktivismus besagt, dass das menschliche Bewusstsein sich durch seine Wahrnehmung die Welt selbst konstruiert. Alles, was wir sehen, ist das, was wir sehen. Jeder sieht die Welt mit anderen Augen. Wenn ich nicht bin, ist auch die Welt nicht. Wenn ein Baum im Wald umfällt, doch keiner hat‘s geseh’n oder gehört, ist der Baum dann umgefallen? Hmm… ja oder nein? Hahaha, wer weiß das schon, du Arschges**ht?!

Alles, was es gibt, wird durch mich erzeugt – so schuldet alles Existierende seine Existenz mir, seinem Gott. Wem ich meine Existenz schulde, das weiß höchstens der Höchste aller Götter, wenn er denn weiß, dass er einer ist. Und wie er, so sagen einige Fromme, seine Menschen sich geschaffen hat, dass sie ihm schmeicheln, tun sie das nicht immer. Genauso wie ich als Gott meiner Welt die Dinge in der Hoffnung erzeuge, dass ich Gefallen an ihnen haben könnte. Oft tun sie das, oft nicht. Manchmal tun sie das solange, bis ich ihnen überdrüssig bin, und manchmal ziehen sie mich an, obwohl sie mir ganz und gar nicht gefallen.

Was ist also der Geschmack? Laut Kant sind Geschmacksurteile „ohne alles Interesse“. Das heißt, wenn ich Interesse an der Existenz eines Gegenstandes habe, kann ich nicht objektiv über dessen Qualität urteilen. Beispiel: Wenn ich todes notgeil bin, holze ich zur Not auch die letzte, eklige, anhängliche, stinkende, fette, usw., hässliche, behaarte, ungepflegte, usw., hässliche – upps… ich wiederhole mich – Frau der Welt. Bin ich aber in einem absolut befriedigten Zustand, bin ich wählerisch. Wenn ich satt bin, kannst du mich nicht mehr mit Reis, wohl aber vielleicht noch mit einem Happen Kobesteak locken. Geschmack ist also selektiv, hat also was mit Wählen zu tun. Was ist gut, was schlecht, was schön, was hässlich?

Weil Kant sich aber zu selten die Kante gab, hat seine Argumentation einige Kanten, die wir abschleifen müssen. Abgekürzt: Kant will Geschmacksurteile bis zu einem gewissen Grad quasi objektivieren. Das Ding ist aber, du kannst nicht jeden mit einem Kobesteak locken, zumal es Menschen gibt, die lieber Kotze trinken würden als Fleisch zu essen. D.h., einen objektiven und strengen Gesetzesgeschmack zu konstatieren, scheint mir unpassend für unsere plurale Multi-(Vitamin)-(Ya)kulti-Gesellschaft.

Nietzsche wiederum, der Frauen verachtete und an den Folgen von Syphilis starb (haha), hasst Kant, und widerspricht ihm in der Regel in allen Belangen. Wenn man also eine Gegenposition zu Kant sucht, lohnt es sich immer, den Nietzsche aus dem Regal raus zu kramen. Für Nietzsche ist gerade das Interesse entscheidend, das wir empfinden auf irgendeine Art, wenn wir etwas schön finden. Ich muss mich also nicht halbtot masturbiert haben, um entscheiden zu können, ob eine Frau schön ist. Überspitzt und verzerrt gesagt: Das, worauf wir gerade Bock haben, ist gerade richtig.

Gut, auch das ist natürlich zu extrem. Vielleicht muss man einfach die Mitte zwischen Heimscheißer-Kant und Rumbums-Nietzsche finden.

Zur Mitte findet man in der Philosophie reichlich Stoff – das geht von Aristoteles‘ „Mesotes-Lehre“ bis Konfuzius‘ „Mitte und Maß“. – – Ich find‘s unendlich langweilig. Mitte bedeutet, dass wenn du dir eine von drei Frauen (sorry übrigens, dass der Text so „latent“ sexistisch geworden ist, ich habe nichts gegen Frauen… ich liebe euch doch…hahaha) aussuchen müsst, die jeweils Körbchengröße A, B und C haben, du B nehmen musst. Aber warum ist denn B besser als A oder C? Woran misst du das denn? Eine Frau, die quasi keine Brüste hat, kann in jenem Moment, wenn du sieh im von aller Last entkleideten Zustand siehst, die schönste Frau der Welt sein, ohne, dass du dir vorher jemals überhaupt überlegt hast, was schön an einer Frau sein könnte. Gleiches gilt für C, und für alle anderen Buchstaben unserer Welt.

Außerdem, was ist überhaupt schön? Und ist Schönheit überhaupt das, was wir suchen? Kaffee ist bitter und Wein schmeckt nach AIDS, doch es gibt genug Gourmets, die für diesen Geschmack sterben würden. Natürlich ist süß nicht gleich besser als bitter. Und schmerzfrei ist nicht befriedigender als schmerzhaft. Warum sonst baller ich mir in jede Mahlzeit soviel scharfe Zutaten, dass meine Nase beim Essen anfängt zu laufen und sich Schweißperlen an meiner Stirn bilden? Eine tiefe Narbe im Gesicht eines Mannes, eine intensive Berührung, die schmerzt, das Hässliche, das Unheimliche – all das kann aufregend, befriedigend und geschmackvoll sein, mindestens soviel wie ihr Kontrast.

Es geht nicht um irgendeine Perspektive aus der Mitte oder sonst woher. Jede Perspektive hat seine Berechtigung und Zeit. Die Antwort auf die deutsche Redewendung über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten ist der türkische Atasöz zevkler ve renkler tartışılmaz, übersetzt: Vorlieben und Farben sind dem Streite entzogen. Die deutsch-türkische Antwort auf beide Redewendungen: Beides stimmt! Reflektieren und Debattieren sind genauso Teile des Geschmacks wie Akzeptieren und Respektieren. Hässlich und schön, bitter und süß, klein und groß, gut und böse, schnell und langsam, fremd und bekannt, neu und alt, Neugierde und Gewohnheit, emotional und rational, kognitiv und affektiv– alles gehört dazu. Der Mensch ist weder links, noch rechts, und auch nicht mittig – der Mensch ist ganz. Ganz wollen wir sein! Die Antwort auf die Frage „Was ist Geschmack, wenn ja, wie viele?“ ist also „eins“ – die Synthese aller Faktoren und Kontraste zu einem Ganzen.

Den ganzen Menschen, die Ganzwerdung des Menschen, kennen wir vor allem aus Goethes Werken. Im „west-östlichen-Divan“ eint er Orient und Okzident, Ost und West, alles im Sinne des ganzen Menschen. In einem Gedicht dort heißt es:

„Und wenn die Lippen sich dabey
Auf‘s niedlichste bewegen,
Sie machen dich auf einmal frey
In Fesseln dich zu legen.“

Sich frei in Fesseln legen… Der ganze Mensch lebt gleichsam in Freiheit und Gefängnis – wir sind befangen von unsern Trieben, die wir aber gleichzeitig überwinden, aber nie aufgeben. Wir sind immer beides, wir sind immer alles, wir sind ganz.

Gefangen in der sogenannten Realität – auch wenn wir sie nicht wirklich verlassen können –  erlangen wir mit der Fantasie unserer Gedanken einen Happen Freiheit.

 

Beitrag unseres Autoren Apeiron
Beitragsbild: Creative Commons by Victoria Borodinova

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