Der Kurs steigt und sinkt, die Uhr tickt, alle drehen sich im Kreis und ich mach weiter so…

Während Mozarts Serenade in Hörweite mein Gemüt überfällt, denke ich über den kapitalistischen Gott unserer Zeit nach und bete zu seinem Widersacher, dem Antichristen, dem Antikapitalisten, Marx. Ich habe „Das Kapital“ nie gelesen, auch nie in der Hand gehalten. Ich hab‘ es mir auch nie vorgenommen zu lesen. Mir ist Marx auch im Grunde ziemlich egal. Ich finde es sogar grauenvoll langweilig, über ihn nachzudenken. Mein Magen versucht die spannende Entscheidung zu treffen, ob er mein Mittagessen oder ein blutiges Geschwür auskotzen soll, wenn mir junge Menschen, die von Marx predigen, nur weil es Jugendkult ist, ohne einen Satz aus seinem Werk zu kennen, in den Sinn kommen. Warum erwähne ich diese Personifizierung einer ungepflegten Bartwucherung überhaupt?! Man marx mir verzeihen (ich hasse mich selbst für dieses Wortspiel).

Kapitalismus kommt von Kapital, Kapital vom lateinischen Caput, also „Kopf“. Den Bedeutungswechsel erhielt dieser Begriff, als man ihn im Sinne der Kopfzahl eines Viehbestandes, also als Vermögensauskunft benutzte. Das lateinische Caput hat sich im Deutschen in vielerlei Richtungen gestreut und entfaltet. Da wären neben Kapital z.B. auch das Kapitel oder gar das Adjektiv kaputt und im Englischen the capital, die Hauptstadt. Man kann diese Begriffe auch in einem Zusammenhang nutzen – geht es z.B. um jemanden, dessen Kapital sein kaputter Kopf ist, den er nutzt, um ein Kapitel aus „Das Kapital“ an der Spree in Berlin, also in the capital, zu lesen. Aber zurück zum Thema.

Ein Argument, dass die Kapitalisten immer nutzen, ist, dass er ja für alle Menschen gut sei. Denn würden – angeregt durch die Vorzüge dieses Systems für die Fleißigen und Kreativen – alle Menschen durch Erfindung und Produktion teilhaben am Fortschritt, Konsum und an Lebensqualität. Doch ist dem wirklich so?

Worum geht es eigentlich im Kapitalismus? Auf jeden Fall nicht darum, die Lebensqualität aller Menschen zu verbessern. Es geht darum, Vermögen zu mehren, seine Kopfzahl zu erhöhen. Doch wieso können die Kapitalismusbefürworter diesen Punkt mit Verbesserung und Fortschritt für alle Menschen so gut für sich nutzen?

Wichtige Arznei wird von einem Pharmazieforscher entdeckt – hier ist vom Kapitalismus noch keine Spur. Erst, wenn der Pharma-Lobby-Wic***r um die Ecke kommt, ein Patent einrichtet, das Produkt vermarktet, teuer verkauft, wenn es also wieder um die Kopfzahl geht, sind wir im Kapitalismus. Und erst, wenn genug Menschen gestorben sind, weil sie sich dieses unverhältnismäßig teure Medikament nicht leisten konnten, sollte allmählich die generelle Lebensqualität irgendwann steigen dürfen, wenn genug Vermögen generiert wurde. Dabei ist der Pharmakonzern so gnädig, dass der eigentliche Entdecker der Arznei in ihrem Labor arbeiten darf und Gehalt bekommt, damit er auf seinen wöchentlichen Bordellbesuch nicht verzichten muss. – – – Es geht halt nicht um die Lebensqualität der Menschheit, sondern darum, aus Kohle mehr Kohle zu machen. Gut, es kann sein, dass gierige, geldgeile Edelmänner eine treibende Rolle spielen beim Fortschritt, da sie am Vermarkten, Vertreiben und Pushen des Fortschritts maßgeblich beteiligt sind. Sie spielen aber keine wesentliche Rolle, denn das Wesen des Fortschritts liegt im kreativen Menschen, der seine Vision im Labor, Atelier und in der Werkstatt verwirklicht. Ausgebeutet wird er zwar vom Kapitalisten, doch verewigt er sich mit seinem Werk, während sich an den anderen, der irgendwann durch sein Geld platzt, keiner mehr erinnert, wie an eine Mücke, die sich an einem angespannten Muskel zu Tode gesaugt hat.

Doch solange ich in Deutschland lebe, zu den Gewinnern unserer Welt gehöre, ist das alles ja doch eher egal. Genau eine Stunde rege ich mich auf und habe dann schon wieder Appetit auf „Fleisch“. Also ziehe ich meine Nike-Schuhe an und fahre zu McDonalds – zu meinem Menü trink ich heute ein Glas Blut.

Beitrag unseres Autoren Apeiron

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