Die griechischen Götter hatten nie eine Liebe für dich übrig.
Doch auch Du, der aufmüpfige, dickköpfige Präantichrist hattest keine Liebe für die eben selben Götter übrig. Ständige Versuche, um die Macht der Götter in’s Lächerliche zu ziehen, waren Beweis genug für deine unerschöpfliche Überzeugung.
Die Leibeigenschaft über die Menschheit war für dich kein Grund, sich vor der Macht der Götter zu fürchten.

Doch was taten sie dir an, Oh Sisyphos, mein Sisyphos?
Die ziellose Aufgabe, einen Felsen auf einen Hügel zu rollen, der, an der Spitze angekommen, prompt wieder herunterrollen müsse, zeigt eindeutig die Verzweiflung der Götter.

Sie kennen dich als jenen Mann, mit dessen Hilfe Albert Camus die Absurdität einleiten konnte. Wie absurd doch die Arbeit gewesen ist, die du verrichten musstest. Keine Befriedigung erreichst du, weil die Schaffungskunst einfach wieder hinunterrollt. Erneut. Hoffnungsvoll packst du ihn wieder an, um am Ende die Hoffnung wie einen Heliumballon in die Höhe fliegen zu lassen. Doch dieser Ballon ist an deinen Arm gebunden, das wusste auch Camus.

Durchleuchte ich diese Strafe in ihrem Wesen, so wird deutlich, dass der physische Schmerz, den der Fels hervorbringt, nicht Hauptintention der Götter war. Sie wollten dich brechen, Sisyphos. Gebe ich einem Menschen eine monotone Aufgabe als Strafe, die zu allem Überfluss noch physisch schmerzt, dann möchte ich die Brechung der Seele dieses Menschen erwirken. Seine Überzeugung möchte ich in die Knie zwingen und auspeitschen, um aus seinem verzerrten Mund ein ,,Vergib‘ mir“ zu hören. Seine mit Tränen bedeckten Augen ablecken, sodass mir die absolute Kontrolle des Geistes dieses Menschen gesichert ist. Sie hatten keine andere Wahl.

Es heißt, Macht könne nur durch Gewalt am Leben gehalten werden. Wenn sie dich nicht bestraft hätten, gebe es dutzende, hunderte, nein, tausende weitere Sisyphosse, die sich gegen die Macht der Götter gewehrt hätten. Doch du aufmüpfiges, dickköpfiges Wesen meistertest tagtäglich deine Strafe und verhindertest, Sklave eines Meisters zu werden. Sie werden dich nicht brechen können, nicht zum Puzzleteil ihres scheinbaren Meisterwerks machen. Du könntest sie nicht mehr lieben. Du kannst nichts von ihnen erwarten, nichts von ihnen lernen, nichts mit ihnen denken. Doch sie möchten dich mit harten Strafen unendlich nerven, und dich nach ihrem Bilde lenken.
Du Rose in der Wüste warst ihnen ein Dorn im Auge. Doch deine Rettung ist gekommen, Oh Sisyphos, mein Sisyphos!

Wo sind nun jene Götter? Wer steht nun noch zu diesen Göttern?
Dutzende, hunderte, nein, tausende Menschen vergaßen die Angst vor diesen Göttern, verbannten den Einfluss, folgten deiner Haltung. Die Götter haben verloren. Du bist frei, mein Sisyphos. Kein Fels, kein Schmerz, eine Idee, eine Haltung.
Und zu einem Fels in der Brandung erhärtete sich deine Haltung aus dem Gewicht deiner Strafe.

Keine Götter in der Nähe – Die Strafen in der Ferne

Beitrag unseres Autoren Papillon

Beitragsbild: Creative Commons by Free-Photos

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